Die Zeitschrift der Straße berichtet

Vorm letzten Auszug war „Die Zeitschrift der Straße“ zu Besuch. Lest selbst in der September-Ausgabe zur „OSTERSTRASSE“! Noch immer erhältlich bei eurem/r Straßenzeitschriftverkäufer*in des Vertrauens.

http://zeitschrift-der-strasse.de/2016/09/

Der Kampf um die Rückertstraße 2 ist beendet!

Mehr als anderthalb Jahre führten die Bewohner*innen der Osterstr. 48/Rückertstr. 2 einen zermürbenden Kampf um ihr Zuhause. Der Vorrang eines gesundheitswahrenden Selbstschutzes zwang sie letztendlich Ausschau nach einem ruhigeren Wohnen zu halten. Seit Mitte August ist auch die letzte Wohngemeinschaft aus dem ersten Stock des Hauses ausgezogen.

Mehrfach wurden involvierte Akteur*innen der Stadt angesprochen, auf die Geschehnisse im und am Haus aufmerksam gemacht und um Informationen sowie Unterstützung gebeten. Das Ergebnis war oftmals Enttäuschung über das anscheinende Desinteresse der Verantwortlichen der Stadt Bremen. Spürbare Versuche, den Entmietungsstrategien seitens zweier wechselnder Vermieter entgegen zu wirken, waren nicht zu verzeichnen. Vielmehr schien die Umnutzung des Gebäudes zur privaten Herberge für die zeitweise und teure Unterbringung von Obdachlosen durch die Verantwortlichen der Stadt gewollt zu sein. Der erzwungene Auszug aller Mietparteien wurde dafür hingenommen und sogar durch Nicht-Kommunikation befördert.

Nach wie fordern die ehemaligen Bewohner*innen die Stadt (explizit die Zentrale Fachstelle Wohnen und das Sozialressort) zur Stellungnahme auf sowie zur Einhaltung ihres Versprechens die Wohnungen nicht zu nutzen, „sollten sie per Räumungsklage oder eine andere Form von Zwang frei gemacht worden sein“ (Antworten der Fragestunde der Bremischen Bürgerschaft am 19. Januar 2016, Stadtbürgerschaft Nr. 11, S. 14)! „Wann fängt Zwang an? Wir haben lange um unseren Wohnraum gekämpft. Freiwillig ausgezogen ist hier niemand“, so eine ehemalige Mieterin der Osterstr. 48/Rückertstr. 2. Nach wie vor fordern sie bezahlbaren und guten Wohnraum für alle! Die Entmietung der Osterstr. 48/Rückertstr. 2 bleibt als trauriges und mahnendes Beispiel, dass eine Abwendung vom Diktat der Privatwirtschaft in kommunalen Aufgaben notwendig ist.

„…denn wohnen müssen wir ja alle irgendwie!“

|| Am 21.06.16 um 19:30Uhr im Paradox, Bernhardstr.12 ||

Eine Veranstaltung der Interventionistischen Linken Bremen // AG Soziale Kämpfe

inventati.org/bremen
interventionistische-linke.org

Die Wohnraum-Kämpfe gegen Verdrängung in der Rückertstraße und gegen flächendeckende Mieterhöhungen des Vonovia-Konzerns aus Sicht der betroffenen Mieter*innen

Egal ob großer Immobilienkonzern oder privater Vermieter – eins ist allen Mietverhältnissen gemeinsam: Profitabel müssen sie sein. Mieterinnen und Mieter sind dagegen meist auf möglichst günstige Mietpreise angewiesen. Dieser grundlegende Widerspruch führt auch in Bremen immer wieder zu Auseinandersetzungen, wenn Mietparteien sich gegen Mieterhöhungen oder Verdrängungsversuche durch ihren Vermieter wehren.

Viele dieser Kämpfe um Wohnraum finden dabei im Stillen statt, individualisiert und meist aussichtslos. Doch einige Miet-Konflikte schaffen es durch politische Brisanz, Kollektivität und Hartnäckigkeit
ins Licht der Öffentlichkeit. Zwei der meistbeachteten Mieter*innen-Kämpfe der vergangenen Jahre in Bremen waren zum einen die Rückertstraße 2, deren Bewohner_innen sich bis heute gegen die perfiden
Verdrängungspläne ihres Vermieters wehren und zum anderen die „Vernetzung Bremer MieterInnen“, die sich gegen geplante Mieterhöhungen und damit verbundene Klagen gegen sie zusammengeschlossen haben. Wir möchten die Akteur_innen dieser zwei Kämpfe mit scheinbar völlig unterschiedlichen Voraussetzungen in Austausch bringen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausstellen: Welche Forderungen stellt ihr? Wie kamt ihr zu dem Entschluss, euch gemeinsam zu wehren? Was wünscht ihr euch für eure Wohnsituation?

Diese und andere Fragen möchten wir den Aktiven stellen und gemeinsam mit allen Anwesenden ins Gespräch kommen. Und das im Stile eines Erzähl-Cafés, also: Keine Bühne, der Fokus liegt auf den individuellen Sichtweisen der Akteur*innen und es ist genug Raum für eure eigenen Erfahrungen, Fragen und Ideen. Wir freuen uns auf einen regen Austausch!

Wir freuen uns auf euch.
Interventionistische Linke Bremen // AG Soziale Kämpfe

inventati.org/bremen
interventionistische-linke.org

Resümee nach 1,5 Jahren Widerstand

Die Rückertstr. 2/Osterstr. 48 hat eine Metamorphose durchlaufen – sie ist jedoch noch nicht abgeschlossen!

Einiges ist geschehen.

Am 01.05.2016 war die Wohnung im 3. Stock ihre Mieter*innen los. Nach einem berauschenden Abschiedsfest pflogen die Vöglein für immer aus – alle in verschiedene Richtungen, sie kommen nicht mehr nach Haus. Auf dem engen Bremer Wohnungsmarkt ein gemeinsames und bezahlbares Nest zu finden, war unmöglich.

Anderthalb Jahre der Bedrohung ihres Wohnraumes und der Kampf um diesen gingen dem Auszug voraus. Wandernde Baustellen ohne Ankündigung, ohne absehbares Ende, Lärm, Dreck, Schikanen, Nichtauskunft und Verweigerung durch die Eigentümer*innen, Drohungen, Kündigungen, Räumungsklagen, Einbruch und Diebstahl, Entzug von Nutzungsrechten und Raum, das Wegschauen involvierter Stellen, Ämter und der Behörde – all dies macht mürbe. All dies wurde systematisch seitens des eingesetzten Strohmannes genutzt, die Bewohner*innen zum Auszug zu drängen. Hierzu abgeschlossene Mietaufhebungsverträge sollen Freiwilligkeit suggerieren, wo Zwang zum Einsatz kam.

Heute, am 31.05.2016 ist auch der 4. Stock „frei von Mietern“. Diesmal wurde leise gegangen.

Wie bereits im 3. Stock begonnen, werden auch im 4. Stock Umbaumaßnahmen starten. Herbergswohnungen sollen geschaffen werden, wie dies bereits im 2. Stock geschehen ist – nachdem im Mai 2015 eine Wohngemeinschaft mit kleinem Kind und Säuglingen es nicht mehr aushielt und den Stadtteil verlassen musste. Die umgebauten Wohnungen versprechen dem Besitzer der benachbarten Herberge eine Ausweitung seines einträglichen Geschäftsmodells. Morgen, am 01.06.2016 wird er nach eigener Aussage Eigentümer des Objektes Rückertstr. 2/Osterstr. 48. Der Strohmanneinsatz hat sich gelohnt, doch der Plan ist nicht zur Gänze aufgegangen. Das Haus wird nicht wie zu Beginn vereinbart „frei von Mietern“ übergeben. Die Wohnung im 1. Stock bleibt bewohnt!

Am 19.01.2016 beantwortete der Senat eingereichte Fragen der Mieter*innen der Rückertstr. 2 wie folgt:

„Trotz des großen Bedarfs an Zimmern zur Unterbringung von Wohnungslosen lehnt es die die Zentrale Fachstelle Wohnen ab, dass Immobilien entmietet oder Mieter wohnungslos werden.
Der Eigentümer in der Rückertstraße 2 betreibt seit Jahren im Nachbarhaus eine kostengünstige Unterkunft für Wohnungslose. Seit Juli 2015 belegt die Zentrale Fachstelle Wohnen eine Etage mit 4 Zimmern im Haus Rückertstraße 2. Für die Belegung dieser Zimmer gibt es eine mündliche Vereinbarung. Eine Vereinbarung über die Entmietung und Nutzung weiterer Zimmer in der Rückertstraße 2 wurde nicht getroffen. Weitere Wohnungen werden nicht belegt, sollten sie per Räumungsklage oder eine andere Form von Zwang frei gemacht worden sein.“ (Seite 14)

Was wird diesem Versprechen des Senats und der Zentralen Fachstelle Wohnen folgen? Wird hinter verschlossenen Türen nicht doch ein Nutzen aus den Entmietungsmachenschaften gezogen werden?

G-Spot in Newtown

Die Rückertstr. 2/Osterstr. 48 befindet sich mitten im „G-Spot“ – Gentrifizierungsprozesse sind überall sichtbar. Die Zahl der Modernisierungen nimmt stetig zu. Zahlreiche neue Läden entstehen. Läden wechseln die Besitzer*innen. Die alte Neustadt wird als gutes und zentral gelegenes Wohngebiet wahrgenommen. Das Gebiet wurde von Investor*innen und Spekulant*innen als zukunftsträchtig entdeckt. Immer mehr Besucher*innen kommen aus anderen Stadtteilen. Alteingesessene und Pionier*innen der Gentrifizierung verlassen wegen gestiegener Mieten die Gegend. Gut und besser Verdienende nehmen ihren Platz ein.

Metamorphose Rückertstr.2_Osterstr.48